Gedanken zu Mailings



12. Oktober 2006

Was darf ein Neuspender kosten?

Ein DIN A5-Briefumschlag, sehr dick und grün. Vorne drauf ein kitschiger Hund, der stark an Weihnachten erinnert und der nicht zu übersehende Spruch: „Ein Geschenk für Sie ist beigefügt!“ Was mich da wohl erwartet...???

Erst Tage später öffne ich den Umschlag, wohl wissend, dass hier der Internationale Tierschutz-Fonds eine Neuspenderkampagne gestartet hat und mir Grußkarten als Geschenk schickt. Jetzt also widme ich mich endlich dem Inhalt: zehn Briefumschläge, zehn Klappkarten, zwei nicht ganz DIN A4-große Zettel mit Text und Fotos darauf, ein Zahlschein, an dem meine Adresse hängt und ein kleiner Hinweiszettel.

Der Brief: Weihnachtslayout im Oktober 2006. Auf vier Seiten wird mir angepriesen, was alles mit meiner Spende erreicht wird, die beiliegenden Karten werden beschrieben und auch, wie süß sie sind. Dafür wollen sie natürlich keine Spende, der Unterzeichner traut sich auch eigentlich gar nicht, mich darum zu bitten, tut es aber dennoch. Rund um den Globus, in insgesamt 14 Ländern, wird meine Spende allen möglichen Arten von armen Tieren helfen. Hunden und Katzen, Elefanten, Bären, Robben und Walen. Die wohnen „in der Gegend“, in den USA, in Europa, Australien, Kanada, Russland, China, Karibik und Südafrika.

Und natürlich viele andere Tiere, ausgesetzt und misshandelt. Mit vielen Beispielen zeigt mir der Unterzeichner die Problematik auf. Diese scheint wirklich erschütternd zu sein und darum lohnt es sich wohl, den Kampf gegen Tierschänder zu unterstützen! Ein bisschen wirr der ganze Brief, weil ich nicht wirklich folgen kann, wo genau jetzt meine Spende was bewirkt und ich kann außerdem noch viel anderes tun, um den Tieren zu helfen.

Nun will mich der Internationale Tierschutz-Fonds (IFAW) als neuen Spender gewinnen und ich bin mir unsicher. In wie weit kommt meine Spende an? An wen haben die noch so dicke und bestimmt auch teure Briefe geschickt. Immerhin schenken die mir einfach so zehn Grußkarten inklusive Briefumschlag. Kaufe ich so etwas in einem Geschäft, zahle ich pro Karte bestimmt einen Euro. Plus Briefporto etc. ...12 Euro pro Brief.

Jetzt kommt eine Hochrechnung: 3% ist eine sehr gute Response auf ein Kaltmailing. Wenn Menschen mit so hohem Gegenwert (die Karten) unter Druck gesetzt werden, etwas dafür zu spenden, sollte diese Response hinhauen. Gehen wir davon aus, der IFAW als große Organisation, verschickt nur 100.000 solcher Briefe, dann kostet das ganze 1.200.000 Euro. Ok, diese Hochrechnung hinkt, oder? Egal, mal weitergerechnet: 3.000 Menschen reagieren mit einer Spende à 50 Euro. Macht nach Adam Riese 150.000 Euro. Kosten dieser Aktion: 1.150.000 Euro. Jeder Neuspender kostet also rund 383 Euro.

Ja, diese Hochrechnung ist natürlich nicht richtig. Aber für Max Mustermann vielleicht doch? Er wird sich auch denken, dass der Stückpreis pro Brief viel zu hoch angesetzt ist, denn wenn so viele Karten produziert werden, gibt’s die günstiger.

Was nun dem IFAW ein Neuspender kostet werden wir vielleicht so schnell nicht erfahren. Das dieses Mailing sehr teuer aussieht und sich anfühlt, liegt auf der Hand. Ich werde die Karten mit keiner Spende unterstützen und die Arbeit der Organisation leider auch nicht. Wer mit so  hochwertigen Packages versucht, Neuspender zu gewinnen, dem traue ich nicht recht.

Leider war das noch nicht das Ende vom Lied. Denn am gleichen Tag, bei der gleichen Briefkastenleerung, lag ein zweiter Brief, genau der gleiche vom IFAW, in meinem Briefkasten. Nach mehrmaliger Kontrolle fand ich keinen Unterschied bei beiden Adressen. Einen kleinen Unterschied bei den Briefen gab es dennoch: auf dem Briefumschlag und leicht am Inhalt. Der IFAW testet in diesem Jahr den Teaser, stelle ich fest. Kommt es besser an, auf den Umschlag den Slogan „Rettet ein Haustier“ zu schreiben oder das Logo abzudrucken. Schade, dass der Test bei mir nicht hingehauen hat, habe ich doch beide Packages erhalten und spende daraufhin überhaupt nicht.

Hoffentlich haben nicht alle Empfänger doppelt Post erhalten, denn dann würde ein Neuspender ja auch doppelt so teuer sein.





Den obigen Text, wie auch alle anderen Texte, sende ich auch immer an die betreffenden Organisationen. Herr Thomas Mertens, Leiter der Förderbetreuung vom IFAW antwortete mir sofort am 12. Oktober, nachmittags:




Sehr geehrter Herr Ueckermann,
 
vielen Dank für den netten Text. Ich habe ihn mit Vergnügen gelesen.
 
Natürlich stimmt die Hochrechnung so nicht. Da der Brief per Infopost verschickt wird, sind die Portokosten nicht € 1,45 und die Karten kosten auch nicht €1,-- pro Stück, da alle Karten für alle Länder, in denen der IFAW Fundraising betreibt in den US produziert werden. Auch ich kann nicht genau sagen, was ein Pack kostet, denke aber, die Produktions- und Verschickungskosten bei etwa €1,50 liegen werden.
 
Unser Fundraising kommt aus den USA. Wir sind die einzige Organisation, die in Deutschland diese Art Fundraising betreibt. Da wir immer Incentives verschicken, bekommen wir auch bis zu 30% mehr Spenden, durchschnittlich ca €10,00. Unsere Response liegt meist bei ca. 7%. Sie können sich also aausrechnen, dass der Neuspender bei uns nicht so viel kosten, wie Sie meinen.
 
Sie haben jedoch recht, die zweite Sendung hätten Sie nicht bekommen sollen. Es handelt sich dabei um eine einladung, eine Einzugsermächtigung zu erteilen. Sie hätten entweder das eine oder andere Pack erhalten sollen, nicht beide. Wir bitten das Versehen zu entschuldigen.
 
Wir stehen Ihnen gerne für Fragen zur Verfügung.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Thomas Martens
Leiter Fördererbetreuung
IFAW-Deutschland





Ein Doktor schreibt mir


Herr Doktor Jürgen Thiesbonenkamp schreibt an mich. Er arbeitet bei der Kindernothilfe und schreibt: Sehr geehrte Damen und Herren. Im Brief berichtet er über das Seebeben in Südasien - der Brief ist vom 22. März 2005 - und dass die Kindernothilfe dank ihrer Spenderinnen und Spender im Wiederaufbau tätig ist. Das sind aber tolle Spender!

Er appelliert daran, die vielen anderen Projekte nicht aus den Augen zu verlieren und erzählt, dass es besonders hart die Kinder treffen würde. Aber natürlich ist die Kindernothilfe zur Stelle, dank Spenderinnen und Spendern wie mir. Sehr gut!

Im vierten Absatz dann endlich mal wirklich eine direkte Ansprache, und wieder einmal geht's ums Geld: Helfen Sie bitte diesen Mädchen und jungen Frauen durch Ihre Spende!

Und damit ich auch wirklich spende, stellen sie mir diesmal bewusst Projekte aus Afrika und Lateinamerika vor. äh, nein, natürlich nicht damit ich auch wirklich spende sondern damit neben Asien auch andere Weltregionen nicht in Vergessenheit geraten. Ich soll mithelfen, den Kindern dort eine Zukunftsperspektive zu geben.

Ein gesegnetes Osterfest wünscht mir der vom Foto her freundlich lächelnde Herr Dr. Thiesbonenkamp noch, unterschreibt neben seinem Foto in schönem Blau und weist mich im PS darauf hin, dass ich durch eine Patenschaft mit 31,- Euro im Monat jungen Mädchen langfristig helfen könnte. Sehr interessant. Es warten noch 3.650 von ihnen auf eine Patin bzw. einen Paten. Hoffentlich findet die Kindernothilfe diese 3.650 Personen bald.

(zu: Kindernothilfe-Spendenbrief vom 22. März 2005)




Ein Brief vom WWF


Betreff: Bitte helfen Sie mir, die Flachland-Gorillas zu retten! Das ist ja was: da bittet mich eine einzige Person, Gorillas im Flachland zu retten. Wie der das alleine wohl macht? Mal schauen. 

Lieber Herr Uekermann, in unserem Projektgebiet Dzanga-Sangha im Herzen Afrikas ist der tropische Regenwald noch so wie er sein soll: Feucht, heiß, fast ungestört und atemberaubend schön! Meine persönlichen Stars sind hier die Flachland-Gorillas. Und dann schreibt er noch, dass er am liebsten jeden Tag in ihrer Nähe verbringen würde. Krasser Typ.

Doch dann passiert da irgendwo etwas, das habe ich übersehen oder der Schreiber vergessen. Denn im nächsten Satz folgt die Information, dass sie im vergangenen Jahr einen großen Schritt zur Rettung dieser Gorillas gemacht hätten. Ja so was, sind die denn in Gefahr? Aber stimmt, Sie sagten da so etwas in der Betreffzeile. Wer sind Sie eigentlich, Herr Unterzeichner? Die Unterschrift kann ich nicht entziffern, ein Name steht darunter nicht. Ein Blick in den Briefkopf, der sieht so aus wie immer vom WWF…oder doch nicht? Der Panda ist da, der Schriftzug, aber halt, da steht WWF en RCA. Das kommt gar nicht aus Deutschland. Und da: vor dem Datum die Ortsangabe: Bayanga (RCA). Wo auch immer das ist, da gibt’s auf jeden Fall so krasse Typen, die wahrscheinlich am liebsten im Kreise von Gorillas frühstücken würden.

Auch nach längerem Suchen erfahre ich in dem Brief nicht, wer mir da nun schreibt. Aber eine andere Information finde ich doch noch im Adressfeld: abgeschickt wurde der Brief aus der Rebstöcker Straße in Frankfurt am Main. Also doch aus Deutschland. Aber irgendwie halt auch nicht. Nun denn, widmen wir uns wieder den interessanten Dingen dieses Briefes!

Ein weiterer Abschnitt, in dem er über ihre Erfolge berichtet, dann endlich werde ich angesprochen: Ihre Spende hilft jetzt, unsere Erfolge auszubauen. Na klar, die wollen natürlich gleich wieder mein Geld. Und wofür? Damit die erfolgreich sein können. Spitze. Und wo bleibe ich dabei? 

Aber was kostet das überhaupt, diese Erfolge auszubauen? 45, 57 oder 70 Euro. Das ist ganz schön was. Wofür? Für die Ausbildung eines neuen Wilthüters, eine Uniform und gutes Schuhwerk oder die Monatsverpflegung für ein so genanntes „Habituierungsteam“. Die Team-Mitglieder gewöhnen die Gorillas an die Anwesenheiten von Menschen. Ja, klar, der Schreiber dieses Briefes ist ja so gerne bei denen. Ach so, nein, weil wohl nur die Touris der Wilderei langfristig den Boden entziehen können. Nun gut. 

Und bevor ich zu den letzten Sätzen gelange, lese ich über der Unterschrift das Wörtchen „Ihre“ – eine Frau schreibt mir hier? Wie bin ich nur darauf gekommen, die unterzeichnende Person könnte ein Mann sein? Vielleicht habe ich gleich an einen starken Mann gedacht, denn nur so einer könnte das Leben von Gorillas retten. Dachte ich.

Sie schreibt, dass sie weiß, dass sie weit weg von uns hier in Deutschland ist. Aber ich soll ich glauben, dass es sich lohnt, diese faszinierenden Gorillas für künftige Generationen vor dem aussterben zu bewahren. Na das ist doch wohl klar, dass es sich um jede Tierart lohnt zu kämpfen, dass wir Menschen sie nicht ausrotten! Ob sie dabei auf meine Unterstützung zählen kann? Nein, ich glaube nicht. So viel Geld auf einmal und dann gibt’s ja noch so viele andere Organisationen, die auch alle etwas brauchen. Tut mir leid, lieber WWF, diesmal leider nicht.

(zu: WWF-Spendenbrief vom 18.08.2005)




Ein Brief vom 17.08.2006


Welche Freude! Ich komme aus dem natürlich zu kurzen Urlaub zurück, in meinem Briefkasten einige Briefe. Nerviges vom Vermieter, eine Versicherung preist mir ihre Leistungen und einer von amnesty international. Ein Spendenbrief – denke ich. Ich öffne vorsichtig den Umschlag, um dieses vielleicht besonders gute Mailing für die Nachwelt zu sichern. Heraus kommt eine einzige Seite.

Kein Zahlschein, keine Infozusendung, kein kleines Geschenk oder Postkarten – nix, außer einem Brief.

„Sehr geehrter Herr Uekermann, für Ihre Bereitschaft, unsere Arbeit mit einer Spende zu unterstützen, möchte ich mich im Namen der deutschen Sektion von amnesty international und derjenigen, für die wir uns einsetzen, herzlich bedanken.“ 

Nach so langer Zeit nur mal wieder ein herzliches Dankeschön – obwohl ich doch eigentlich viel spende. Gut, ich muss gestehen, nicht unbedingt im Sinne des DZI, da ich meine Spenden an viele verteile und mich nicht auf bestimmte Organisationen konzentriere. Aber dieser, für die Menschenrechte kämpfenden Organisation, waren meine doch immerhin zehn Euro wert, einmal danke zu sagen. Toll! 

Im weiteren Verlauf des Briefes werde ich über den ungefähren Verbleib des Geldes informiert: „Ihre Spende sichert daher unsere Unabhängigkeit“ – Na, das ist doch was. Wenn auch nicht konkret, aber klar, so eine Organisation muss natürlich unabhängig sein, also. Und wenn´s hilft?! Sie teilen mir mit, dass ich im kommenden Februar meine Spendenbescheinigung erhalten werde und falls ich meinen Namen beim Heiraten ändern sollte, dies doch bitte für die Adressänderung mitzuteilen. Das regt auch zum Schmunzeln an, ob gewollt oder nicht. 

Ein schöner – nicht erwarteter und daher auch erfolgreicher – Brief in einem zwar geschäftlich erscheinenden Briefbogenlayout aber er erzielt voll seine Wirkung: amnesty international sind auch kleine Spenden von zehn Euro mal einen Dankbrief wert, das schätze ich sehr und werde sicherlich bald mal wieder für die Menschenrechte spenden. 

Danke, lieber Herr Klaus H. Walter (Leiter der Abt. Mitgliedschaft und Service). Sie haben den Brief unterschrieben, zwar sehr pixelig und mit einem grauen quadratischen Kasten dahinter – also doch ein Serienbrief. Ich weiß Ihren Dank sehr zu schätzen und freue mich darüber, dass Sie mir gedankt haben.

Danke!

Ihr Jan Uekermann

(zu: amnesty international-Dankbrief vom 17.8.2006)



PS: Haben Sie auch mal ein schönes Dankeschön erhalten? Schreiben Sie mir hier bitte kurz
Ihre schönste Erinnerung!